Er will kein Millionengehalt und keinen Porsche. Er bleibt immer cool und hochkonzentriert: Der Börsenhändler der Stunde ist ein Computer.
(Erschienen im Fluter, Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, Dezember 2011)
Jeden Morgen laufen die Händler in Frankfurt aufs Börsenparkett und spielen wieder einen Tag lang Finanzmarkt. Aufgeregte Männer, die Ärmel hochgekrempelt, die Krawatte gelockert. Sie schreien in ihre Telefone und starren auf die Kurvendiagramme der Bildschirme. Abends berichten die Fernsehsender von den Balkonen ringsherum, wie vom Sportplatz. Sie zeigen auf den Verlauf des Dax und sagen, dass die Märkte heute nervös reagiert haben. Und die Zuschauer müssen denken, die Händler am Parkett haben vom Euro-Gipfel gehört und dann haben sie nervös reagiert.
Die Korrespondenten sagen nicht, dass man auf das Parkett verzichten könnte, dass der Handel elektronisch stattfindet. Sie sagen nicht, was Peter Gomber sagt, Ökonom an der Uni Frankfurt – dass das Parkett „Börse zum Anfassen“ sei, was niedlich klingt und übersetzt so viel heißt wie: überflüssig.
Um zu sehen, wo jetzt über die Milliarden entschieden wird, muss man mit der U7 an den Stadtrand fahren. Eine Viertelstunde ist es von der Frankfurter Innenstadt, dann landet man in einem hässlichen Gewerbegebiet, läuft an einem Netto-Markt vorbei und an einer Autolackiererei, bis gegenüber eine Wiese der Stadt ein Ende setzt und ein Gebäude auftaucht mit doppeltem Zaun, vielen Sicherheitsschleusen und vielen Kameras. Das Gebäude ist anonym. Kein Schild, auf dem Börse steht, genau genommen gar kein Schild außer: „Betreten verboten“.
Jeden Morgen beginnt hier, im Rechenzentrum der Deutschen Börse, der Arbeitstag der Computer, die programmiert sind mit Algorithmen – kurz: mit Unmengen von „Wenn-dann-Entscheidungen“: Aktien kaufen und verkaufen, auf steigende oder fallende Kurse setzen. Der Computer entscheidet schneller, als man mit der Wimper zuckt.
Es ist seine Software, die den Computer zum Börsenhändler macht. Sie ist sein Gedächtnis und ersetzt die Erfahrung eines menschlichen Traders. Wie hat die VW-Aktie bisher reagiert, wenn die Daimler-Aktie um drei Cent gefallen ist? Wie reagiert die Börse in Frankfurt, wenn die Daimler-Aktie in Stuttgart um zwei Cent gestiegen ist? Was waren die Gründe für die Tulpenkrise in Holland Anfang 1637?
Was Menschen im Gedächtnis haben, hat der Computer abgespeichert. Und er ist nervenstark. Wenn Menschen eine Aktie längst verkaufen, weil sie sagen: das kann doch nicht so weitergehen, das ist doch eine Blase – dann hält sie der Computer noch, um mehr Gewinn zu machen. Klar, dass diese Software viel Geld wert ist. Vor zwei Jahren wurde ein ehemaliger Mitarbeiter des amerikanischen Finanzdienstleisters Goldman Sachs vom FBI verhaftet, weil er Teile der Software für den automatisierten Hanel gestohlen haben soll.
Bedenkt man, dass der Computer keinen Urlaub braucht, kein Burnout-Syndrom kriegt und noch nie nach einem Bonus gefragt hat, kann man sagen: Der Computer, das ist die Zukunft. Genauer: eine Zukunft, die schon begonnen hat. In Frankfurt läuft der Börsenhandel zu 94 Prozent über das elektronische Handelssystem Xetra. Und schon rund 50 Prozent davon erledigen Hochgeschwindigkeitsrechner, ohne dass noch Menschen beteiligt sind.
Ein Italiener im Westend. Ronny Horst bestellt Spiralnudeln mit Schinkenstückchen und Äppelwoi, hessischen Apfelwein. Horst ist ein großer 34-Jähriger mit blonden Haaren, Studium der Kunstgeschichte und zwei geschwungenen S als Manschettenknöpfe, das Logo seines Arbeitgebers: „Superfund“ – eine Investmentgesellschaft, die ihren Kunden Fonds anbietet, die von Computern gemanagt werden.
Horst trinkt seinen Wein und erklärt, warum Superfund nur noch den Computern vertraut. „Computer haben keine Emotionen“, sagt er. Wenn etwas schieflaufe am Markt, dann, weil Menschen sich nicht an ihre Strategie hielten, weil sie Nerven zeigten. „Letztlich sind Menschen auch nur Maschinen.“ Nur schlechter programmierte.
Ronny Horsts Firma investiert in rund 150 verschiedene Teilmärkte, Dow Jones, Erdgas, Weizen, Baumwolle, Schweizer Franken. Alles, was man handeln kann. An der sogenannten Terminbörse spekuliert sie auf Transaktionen, die erst in der Zukunft abgewickelt werden, und setzt auf fallende oder steigende Trends. Woran Superfund glaubt, bestimmen die Computer. Die Software gibt die Kaufbefehle.
Es ist vor allem der sogenannte Blitzhandel, den manche Ökonomen für fragwürdig halten. Dabei bekommen die Computer nur Millisekunden früher als andere Marktteilehmer Informationen über das bevorstehende Börsengeschehen und können so den Kurs in eine Richtung treiben, die ihnen nutzt. Kritiker sprechen von Kursmanipulation, Befürworter verweisen auf die steigende Kaufkraft, die den Handel liquide hält, und die Verringerung der Handelsspannen, die den Handel letztlich für alle sicherer und günstiger machen. Doch was ist, wenn sich die Computer gegenseitig aufschaukeln, wenn sie den Kurs einer Aktie in immer neuen Millisekundenentscheidungen blitzschnell in den Keller treiben? So sollen Computer am sogenannten „Flash Crash“ schuld gewesen sein, bei dem im Mai 2010 der Dow Jones Industrial Average innerhalb einer Viertelstunde um knapp 1000 Punkte abstürzte.
Fest steht: Wenn sich der Kurs einer Aktie nach unten bewegt, spüren es die Computer als erstes und wetten auf den weiteren Absturz. Sie meinen es ja nicht böse, sie sind so programmiert. „Der Computerhandel sollte einer besonderen Kontrolle unterworfen werden”, sagt Michael Grünewald, Wissenschaftler am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. An den Börsen läuft der Handel zwar gesetzlich reguliert ab, mittlerweile wird er kurz ausgesetzt, wenn eine Aktie um mehr als zehn Prozent an Wert verliert. Man zieht den Computern also einfach den Stecker. Aber die Rechner handeln auch abseits der offiziellen Börsenplätze, handeln direkt untereinander, ohne Kontrolle. Der Wirtschaftswissenschaftler Peter Gomber fordert, dass diese Grauzone „gesetzlich geregelt wird“.
Viele Menschen haben Angst vor der Macht der Maschinen. Angst vor einer Welt, in der der Börsenbericht melden müsste: Computer A hat auf Computer B heute soundso reagiert. Einer Welt, in der der Markt zum Pingpongspiel der Maschinen wird.
Die Leute von Superfund können das nicht verstehen. „Wir akzeptieren doch auch, dass uns ein Navigationssystem im Auto die Route vorgibt“, sagt der Geschäftsführer Michael Harneit. „Wir akzeptieren, dass ein Autopilot ein Flugzeug lenkt.“ Was denn so schlimm an Computern im Finanzgeschäft sei, die nur das tun, was vor einigen Jahren Menschen taten, nur effizienter?
Man kann auch Ronny Horst zum Für und Wider des algorithmischen Handels viele Fragen stellen, er antwortet immer höflich, aber er hat auch diese eine Gegenfrage. Er will es wissen, er versteht es nicht: Was die Öffentlichkeit eigentlich dagegen habe, dass die Märkte durch die Computer effizienter werden, klar wie Mathematik, weil sie von Rechnern geleitet werden anstatt von menschlichen Zockern. Tatsächlich stellen viele Investmentbanken mittlerweile statt Ökonomen verstärkt Mathematiker, Physiker und Informatiker ein. Sie brauchen keine Leute, die selbst handeln, sondern welche, die die Computern so programmieren, dass sie selbst handeln können.
Andreas von Brevern, Sprecher der Deutschen Börse, gleitet im Lift in den 19. Stock des Glasturms seines Unternehmens. Er läuft auf einer Brücke über das Atrium, nach Westen schaut man in den Taunus, nach unten wird einem schwindlig. Auch von Brevern ist einer, der an die Effizienz glaubt. Er glaubt an die Computer. Notfalls könnten die Menschen ja immer eingreifen, sagt er. Andreas von Brevern ist ein ruhiger Typ, man kann ihn sich schlecht am Parkett zwischen brüllenden Händlern vorstellen, aber gut zwischen Rechnern im Computerlabor.
Von Brevern erzählt von den Sicherheitsmaßnahmen, die die Börse eingeführt habe – die vorgeschriebenen Pausen, wenn ein Wert immer weiter abstürzt. Die Momente, wenn das Regime der Maschinen kurz unterbrochen werde. Von Brevern macht den Eindruck, als hätten die Händler die Computer im Griff.
Im Rechenzentrum der Deutschen Börse stehen die Rechner der Hochfrequenzhändler, die in Tagesbilanzen denken – zum Beispiel im Auftrag von Investmentbanken wie Goldman Sachs und Morgan Stanley oder auch kleineren Handelshäusern. Die Börse in Frankfurt, sagt Andreas von Brevern, habe gerade ihre Datenleitung erneuert; weil es bei diesen Computern um fantastisch hohe Summen in fantastisch kurzen Zeiten gehe, sei die Nähe wichtig. „Das Rechenzentrum darf nicht weit weg sein vom Handelssystem der Börse.“ Kilometer entscheiden.
Viele Banken und Fonds haben die Menschen in der Wertschöpfungskette längst abgeschafft. Es gibt inzwischen ein Nachrichtensystem von Computern für Computer. In der Programmiersprache C++. Das bedeutet, wenn ein Terroranschlag passiert und im Fernsehen heißt es, die Märkte reagierten nervös, dann haben zum Teil allein Computer reagiert.
„Die Computer haben ihr Gutes“, sagt der Ökonom Peter Gomber. Die Börsen rückten näher zusammen, weil die Computer alle Kurse gleichzeitig wahrnehmen, zum Beispiel die von der Börse in Frankfurt und die in Stuttgart. „Sie tragen zur Preisbildung bei, das ist wie auf Ebay: Wenn mehrere Händler das gleiche Produkt anbieten, kann ich besser vergleichen.“ Kostet also eine Aktie in Stuttgart mehr, wird sie niemand kaufen. Solange, bis sie sinkt. Das tue dem Handel gut.
Und die Computer könnten sogar Crashs – also Abstürze der Börse – vermeiden. So wie ihnen Gier fremd ist, ist ihnen Panik fremd. Von Gruppenzwang hat der Computer nie gehört, er agiert, wie es ihm die Software vorschreibt, nicht wie gerade die Stimmung auf dem Parkett ist. Die Menschen am Parkett haben früher auch mal Aktien verkauft, weil es gerade in der Luft lag, weil der Händler nebenan auch verkaufte und alle nur noch schrien: verkaufen. Der Computer schreit nicht, und er hat keine Ohren.
Ronny Horsts Bilanz ist dieses Jahr nicht besonders gut, minus 6,63 Prozent bis Ende Oktober, das liegt am unruhigen Markt. Es liegt an den Computern, die in Tagesbilanzen denken. Die das Zickzack in den Kursen verantworten. Horsts Computer denken in Jahresbilanzen. Sie brauchen jetzt mal eine konstante Kurve nach oben oder nach unten. Langer Boom oder lange Krise, egal. Nur kein Zickzack.
Computer arbeiten jetzt gegen Computer.
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