Vor drei Monaten legten Randalierer in London ganze Straßenzüge in Schutt und Asche. Inzwischen ist es ruhig. Nachts halten einzig Pastoren Kontakt zu den Verlierern der Gesellschaft. Auf Patrouille durch eine trügerische Stille
(Erschienen in der Financial Times Deutschland)
Bevor sie losziehen zu den Verlorenen, setzen sie sich im Gemeindezentrum um einen Holztisch und beten. „Gott, führe uns zu den Menschen, die Deine Hilfe brauchen.“ Sie bekreuzigen sich. Und in einem Tonfall, mit dem er auch ein Sandwich bestellen würde, sagt Dave Crisp, der Pastor: „Wir bringen den Leuten Gottes Liebe.“
Es ist kurz nach 22 Uhr, Crisp und vier Mitglieder seiner Kirchengemeinde ziehen sich blaue Jacken über, das Schild „Street Pastors“ reflektiert im Licht. „Diese Stadt braucht Samariter“, sagt er. Jetzt vielleicht mehr noch mehr als jemals zuvor.
Draußen das neue Einkaufszentrum. Es ist das Größte Europas, und gerade kotzt ein Mann vorm Eingang auf die Stufen. Ein Schwarzer im Trenchcoat, er war einen Trinken, dann hat er es nicht mehr nach Hause geschafft. Das Einkaufszentrum ist das neue East End von London, so wie es sich die Regierung vorstellt. Es steht da wie reingeklotzt in eine graue Welt. Gegenüber, die Treppe hinunter, beginnt Stratford, eines der Armenviertel im Osten der Stadt, in denen Anfang August die Unruhen ausbrachen, die Riots, die ganz Europa erschütterten.
Ringsum liegen Obdachlose in ihren Kartonbauten am Straßenrand. Vor dem Casino warten die, die noch an ihr Glück glauben, zumindest am Spielautomaten. Es ist viel los an diesem Abend, das Einkaufszentrum feiert Eröffnung, und die Leute laufen umher als könnten sie nicht glauben, was man da vor ihre Nase gebaut hat. Es strahlt, so hell, dass sie plötzlich sehen, wie schlecht sie aussehen. Hätte der Mann in einen anderen Winkel von Stratford erbrochen, hätte ihn niemand bemerkt. Jetzt starren die Leute auf die Kotze.
Wohl niemand in diesem Viertel versteht besser, was die Menschen hier denken als Crisp, 41. Er trägt Kapuzenpulli und Jeans. Freitag und Samstag nachts läuft er durch die Straßen wie ein guter Samariter. Geht es Ihnen gut, Mister? Brauchen Sie Hilfe?
Hier in Stratford wurde London über Nacht zum Kriegsgebiet. Es ist eines der Viertel, aus dem die Randalierer kamen, die Teenager, die die Stadt in Angst versetzten. Von denen die Regierung schnell eine Meinung hatte: Kriminelle seien es, organisiert in Straßengangs, nur darauf aus, Plasmafernseher aus den Läden zu rauben. Ein Minister sprach von „Raffgier“, Premierminister David Cameron von einer „kranken Gesellschaft“.
Seitdem sind drei Monate vergangen. Es herrscht eine merkwürdige Ruhe. Die meisten Londoner haben sich wieder in den Alltag gestürzt, tief hinein in ihr Leben. Sicher, weil ihnen nichts anderes übrig blieb, vielleicht aber auch, weil sie es wollten: Die Gesellschaft kaputt? Keep cool and carry on.
Dave Crisp reicht das nicht. Er will Antworten und mit Zuhören, sagt er, beginne die Suche. Was ist das Kaputte an der Gesellschaft? Was muss sich verändern? Eine Patrouille mit dem Pastor ist eine Reise zur Rückseite der Gesellschaft.
Crisp erzählt, wie er damals zu Hause war, mit seiner Frau und ihrem Baby, und wie sie die Schreie hörten. Er ging zum Fenster, zweiter Stock. Unten machten sich Jungen mit Baseballschlägern über Autos her. Die Jüngsten, schätzt Crisp, zehn Jahre alt, die Ältesten gerade volljährig. Sie schlugen auf das Blech ein, zertrümmerten die Fenster. In dieser Nacht sah er, wie London brannte. Und zumindest er ahnte: Es brennen nicht nur Jaguars, sondern auch Menschen. Hass, auf beiden Seiten. Die Randalierer nehmen sich, was sie sich nicht leisten können. Die anderen fühlen sich ohnmächtig.
Premierminister Cameron brach seinen Urlaub ab und bestellte den Krisenstab ein. Er sagte, die „kaputte Gesellschaft zu reparieren“ sei nun „ganz oben auf seiner Agenda.“ Die Regierung will 120 000 Familien ausgemacht haben, „die in ihren Gemeinden viel Unruhe stiften“. Um diese Familien wolle man sich nun kümmern. Er beklagt „Schulen ohne Disziplin, Verbrechen ohne Strafen“.
Vergangene Woche stellten Justiz- und Innenministerium eine Studie über die Riots vor. 5112 registrierte Straftaten, 1984 Randalierer vor Gericht. Drei Viertel von ihnen waren schon vorher der Polizei bekannt. Die meisten waren fast noch Kinder, die Hälfte jünger als 20, nur 13 Prozent gehörten einer Gang an. Mehr als 800 sitzen heute im Gefängnis.
„Eine verheerende Anklageschrift“ sei das, sagt ein Sprecher der Hilfsorganisation Family Action. „Unsere Gesellschaft hat viele benachteiligte Jungen im Stich gelassen, und zerstört jetzt auch noch ihre Zukunft mit Gefängnisstrafen.“ Die Labour-Opposition kritisiert, wie wenig die Regierung über die Zustände in den Städten wisse.
Aber was soll geschehen? Wo ansetzen?
Jedes Wochenende treffen die Straßenpastoren die Leute auf der Straße. Sie treffen die Leute, die vermutlich zu Camerons Problemfamilien zählen. Da draußen warten sie, die Verlorenen, etwa in Person von Pawel, einem Obdachlosen. Pawel kommt aus Bulgarien, er sagt, er habe den Glauben verloren. „Wo ist Gott?“, fragt er. „Niemand kümmert sich um uns.“ „Aber wir kümmern uns“, sagt einer der Street Pastors. „Was könnt ihr tun?“, fragt Pawel. „Wir beten für Dich.“ Pawel schaut ihm in die Augen, nickt. „Fair enough, man.“
Eine ökumenische Bewegung von Christen hat die Street Pastors 1993 gegründet. Die Gruppe in Stratford gibt es seit drei Jahren, 30 Freiwillige hat Crisp in seiner Gemeinde gewonnen. Obdachlose kriegen ihre Aufmerksamkeit, sie schlichten Streit, gehen dazwischen bei Schlägereien. Offiziell leben in Stratford viel weniger Obdachlose als in Wirklichkeit. Deswegen gibt es nur drei Street Worker. Statt des Staates engagiert sich die Kirche. Street Pastors statt Street Worker.
Heute sind sie zu fünft, Crisp und vier Freiwillige. Shugs Shah zum Beispiel, eine Bankerin, 37, die erst vor zwei Jahren zum Glauben fand. Jetzt glaubt sie an zwei Dinge: An Gott, und dass sie der Gesellschaft etwas zurückgeben muss. „Ein bisschen was von meinem Glück teilen mit den Obdachlosen“, das, glaubt sie, ist ihr Auftrag.
Weiter. Durch ein dunkles Viertel. In Stratford sind weiße Briten in der Minderheit. Inder, Pakistanis und Afrikaner leben hier, fast 70 Prozent sind unter 35. Im Bezirk Newham, zu dem Straford gehört, hat fast jeder Dritte zwischen 16 und 24 keine Arbeit. Postcode-Gangs bekriegen sich nach Postleitzahlen-Gebieten, E16 gegen E15.
Die meisten der Samariter wohnen selbst hier, im Hinterhof von London. Es riecht nach dem Essen aus Spice Inn, dem indischen Take-Away-Laden, und nach Diesel. Die Häuser sind niedrig und meistens aus Backstein, die Menschen gehen schnell, sie wollen ankommen, sie fühlen sich nicht wohl auf dieser Straße. Ob Shugs Shah Angst hat, wenn sie mit den Street Pastors unterwegs ist? „Nie“, sagt sie, „das sind die schönsten Stunden des Monats.“
Letztes Jahr im September ließ sie sich taufen. Als sie einmal traurig war, rief sie eine Freundin an. Die las aus einem Buch vor und Shah gefiel, was sie hörte. Es war das Neue Testament. Ihre Eltern kamen aus Kaschmir nach England. Sie waren Muslime. Shah glaubte vor allem an Geld. Sie erstellt Finanzgutachten in einer Bank. Aber irgendetwas fehlte ihr, und sie fand bei Dave Crisp.
Crisp redet klar. Obdachlose und Jugendliche vorm Club nehmen ihn ernst. Wenn man ihn fragt, wann er im Leben wirklich bei sich ist, sagt er: „Auf der Straße, wenn ich mit den Leuten rede.“
Die Street Pastors können viel, was die Polizei nicht kann – „weil wir nicht das Gesetz sind“, wie Shah sagt. Sie können mit Zuhältern reden und Prostituierten und mit Partygängern und Obdachlosen und wenn ihnen jemand etwas gesteht, müssen sie ihn nicht anzeigen: Sie sind die Straßenpriester, es gilt sozusagen Beichtgeheimnis.
Gott hat sie gerufen, um zu helfen. Also kümmern sich Crisp und Shah in dieser Nacht um ein Mädchen, das ein Pitbull angefallen hat. Zwei Männer mit osteuropäischem Akzent, sagt sie, die seien vorbeigelaufen und hätten den Hund auf sie gehetzt. Sie trägt Rasterlocken und ein Bob-Marley-Schlüsselband um den Hals. Sie weint. Shugs tröstet, Crisp ruft die Polizei. Meist entspannt sich die Situation.
Crisp erzählt, wie sich ein ganzes Milieu in East London abgekoppelt sehe vom Rest der Stadt. Die Menschen fühlten sich benachteiligt. Sie leben in der reichsten Stadt Europas und finden keinen Job, nicht mal einen Ausbildungsplatz. „Da war eine Stimmung: Wir holen uns jetzt, was uns die Gesellschaft verweigert“, sagt er. Seit August sind die Arbeitslosenzahlen in Großbritannien weiter gestiegen, die Regierung setzt ein Sparprogramm um, ein anderes steht noch aus: Eins, in dem steht, wie sie die „kaputte Gesellschaft“ nun konkret heilen will.
Gegen drei Uhr, nach Kneipenstreits, Alkoholleichen, Prostituierten und Pennern, endet die Nacht der Street Pastors in der Kirche. Sie beten ein letztes Mal. Sie danken Gott, dass ihnen nichts passiert ist in diesem dunklen Bezirk von London.
Dave Crisp und Shugs Shah sagen, dass seit den Randalen nichts besser geworden ist, und dass nichts besser werden wird. Die Kinder aus East London suchen sich ihre Freunde in den Gangs, mehr denn je, und die Londoner aus besseren Milieus halten sich von den schlechten Vierteln noch mehr fern. „Eine kaputte Gesellschaft heilt so nicht“, sagt Crisp.
Am Weg zurück zur Kirche laufen sie noch mal vorbei am neuen Einkaufszentrum. Draußen pennen die Penner, und die kaputte Gesellschaft von Stratford inszeniert eine Ruhe nach dem Sturm. Und wartet nur auf den nächsten.
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