Wenn Flüchtlinge ihre Eltern suchen oder Eltern ihre Kinder, kann oft nur noch der Suchdienst des Roten Kreuzes helfen: Ein Lob der deutschen Bürokratie
(Erschienen im DUMMY-Magazin, Dezember 2012)
Am Mittwoch, den 21. September dieses Jahres kommt bei Frau Palesti ein Brief an, abgeschickt in einer Kleinstadt in Brandenburg, von einer jungen Afghanin, die ihre beiden Schwestern vermisst und um Hilfe bittet, und für Frau Palesti ist dieser Brief wirklich überhaupt nichts Besonderes.
Puneh*, 16 Jahre alt, schreibt: „Vor ca. 3 Jahren sind wir aus Afghanistan geflohen. Mir ist nicht bekannt, ob meine Schwestern noch in Griechenland sind. Wir sind zusammen aus Afghanistan geflohen, per Auto und zu Fuß. In Griechenland sind wir zusammen angekommen, dann haben wir uns verloren.“
Seit über einem Jahr vermisst Puneh ihre Schwestern. Sie war zuvor niemals von ihnen getrennt. Jetzt weiß sie nichts von ihnen. Sie hofft, dass ihr der Suchantrag ihre Schwestern zurückbringt. Dass er ihr Leben verändert. Dass er ihre Familie rettet.
Puneh hofft auf Frau Palesti.
Kalliopi Palesti ist eine junge brünette Frau, die an ihrem Schreibtisch jeden Tag sieben, acht Wunder plant, Erfolgsquote: 65 Prozent. Das Rote Kreuz hat vom Bundesinnenministerium den Auftrag bekommen, nach Vermissten zu suchen, die nach Kriegen oder Naturkatastrophen verschwunden sind. Also kommt Frau Palesti jeden Morgen in ihr Büro in München-Giesing, Chiemgaustraße, und sichtet die Lage. Da liegt der Antrag von dem Äthiopier, der im Gefängnis saß, während seine Frau starb, und jetzt nicht mehr weiß, wo seine Kinder geblieben sind. Da liegt schon lange der Antrag einer Frau, die ihren iranischen Vater sucht. Da liegt seit kurzem der Antrag eines Mannes, dessen kroatischer Vater fehlt.
Frau Palesti bearbeitet Anträge, recherchiert im Archiv, bei Einwohnermeldeämtern, im Ausländerzentralregister und im Internet, sie ruft Nachbarn an und jeden, der einen Hinweis liefern könnte, wo der vermisste Mensch geblieben ist. Ihr Sachgebiet heißt „Internationale Suche und Familiennachrichten“, es gehört zum Suchdienst des Roten Kreuzes. Sie ist zuständig, wenn Deutsche Verwandte im Ausland suchen, und wenn Menschen im Ausland Verwandte in Deutschland vermissen. Der Suchdienst hat seit fast 20 Jahren einen Einstellungstopp und deshalb einen Altersdurchschnitt von über 50. Und Frau Palesti, mit die Jüngste, hat jeden Tag einen so schlimmen wie tollen Job.
Sie sagt: „Am Anfang musste ich am Telefon schon fast mitheulen. Filme sind nichts dagegen. Man kriegt alles mit. Frauen rufen an, die im Kongo vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt worden sind. Geschwister, die sich gesucht haben, ein Leben lang, und am Telefon weinen.“
Die Abteilung gibt es seit 1968, als die Bundesregierung Boat People aus Vietnam aufnahm, 40.000 Kontingentflüchtlinge. Viele von ihnen vermissten Verwandte, viele wurden selbst gesucht. Heute stehen Millionen Karteikarten im Regal, verpackt in Länderkästchen, Libanon zum Beispiel, Kosovo, Sierra Leone. Das abgeheftete Unglück und Glück aus vier Jahrzehnten. Frau Palesti ist seit drei Jahren hier, sie hat zuvor bei der Diakonie gearbeitet, eine Ausbildung zum Rotkreuzdetektiv gibt es nicht. Es geht viel um Psychologie, um Geduld, ein bisschen um Diplomatie.
Jeden Abend, später als fünf, fährt Frau Palesti heim in den Münchner Norden, und sie träumt nicht von den Vermissten, aber manche Akten verfolgen sie, sie denkt: „Mensch, das eine Kind, das haben wir noch nicht gefunden. Was habe ich da noch nicht versucht, geht da noch was?“
Da war zum Beispiel die Akte von Puneh, der jungen Afghanin.
Puneh war ein Jahr alt, als sie ihren Vater getötet haben. Man weiß nicht, wer es war, aber es geschah in Afghanistan, kurz nachdem die Taliban an die Macht kamen. Die Taliban sind Paschtunen und Sunniten, Punehs Familie gehört zur persischen Minderheit, sie sind Schiiten. Haben die Taliban Punehs Vater, den Schuhmacher, getötet? Keiner weiß es.
Sie lebten in einem kleinen Ort in der Nähe von Kabul. Sie lebten nicht mehr lange dort, nachdem der Vater tot war. Puneh, ihre Mutter, und die beiden Schwestern verließen das Land und die Mutter fand Arbeit in Iran. Dann wurde die Mutter krank, und sie kehrten zurück nach Afghanistan, es blieb ihnen sonst nichts übrig. Sie suchten einen Ort, an dem sie leben konnten. Vier Frauen ohne Mann. Afghanistan war dieser Ort nicht. Auf dem Land in Afghanistan, ihrer Heimat, durfte die Mutter nicht arbeiten, und die Töchter durften nicht zur Schule gehen. Es wäre gegen die Sitten gewesen.
Vor drei Jahren lief Punehs Familie los. Puneh war 13, ihre Schwestern 14 und 23. Sie liefen, stiegen in einen Bus, dann liefen sie wieder. 40 Tage vielleicht, sagt Puneh. Sie zählten nicht die Tage. Sie waren nervös. Sie schafften es bis in die Türkei und Schlepper brachten sie nach Griechenland. Jetzt waren sie in Europa, aber illegal. Puneh sah morgens jungen Griechinnen zu, wie sie zur Schule gingen. Die Mutter sah zu, wie das Leben vorbeizog. In Griechenland einen Asylantrag zu stellen ist der Mühe nicht wert. Punehs Mutter sparte lang, dann engagierte sie einen Schmuggler. Er verkaufte ihnen gefälschte bulgarische Pässe und Flugtickets nach Berlin-Schönefeld.
Ein Jahr später, im September dieses Jahres liegt das Schreiben von Puneh auf dem Schreibtisch von Frau Palesti. Eine Suchanfrage. Puneh lebt jetzt mit ihrer Mutter in einer Stadt in Brandenburg. Sie ist eine hübsche junge Frau mit schwarzen Augen, die enge Jeans trägt, einen Trenchcoat und ein Kopftuch. Puneh geht zur Schule, 9. Klasse Oberschule, sie kann schon ziemlich gut Deutsch. Sie will Abitur machen. Die Mutter ist noch immer Analphabetin, den Asylantrag unterschreibt sie mit drei Kreuzen. Sie hat schweres Rheuma, bleibt zu Hause. Sie bekommt Hartz IV, weil Deutschland alleinstehende Frauen nicht nach Afghanistan abschieben darf.
Puneh organisiert das Leben. Termin beim Anwalt, Termin beim Arzt, Termin zur Wohnungsbesichtigung. Abends, wenn Puneh nach Hause kommt, ist sie müde, sie muss noch lernen, und dann liegt sie mit ihrer Mutter im Schlafzimmer, und sie fragt sich: Wo sind meine Schwestern?
Am Flughafen, sagt Puneh, ließ man sie und die Mutter durch. Die Schwestern, so erzählt sie es, fielen bei der Passkontrolle auf. Sie kamen nicht weiter, Puneh und ihre Mutter durften nicht zurück. Sie stiegen ins Flugzeug nach Berlin. Die Schwestern verschwanden.
Sind sie in Griechenland? Haben sie Schlepper in andere Länder gebracht? Sie konnten etwas Griechisch, in der Schule waren auch sie nie gewesen. Punehs Familie war niemals getrennt. Zum ersten Mal vermissten sie sich, und die Sehnsucht bereitete körperliche Schmerzen.
„Solche Fälle sind kompliziert“, sagt Marina Brinkmann. Sie leitet das Sachgebiet von Frau Palesti. Eine kleine Frau mit Zopf, die häufig mit einem Lachen die Strenge aus ihrem Gesicht verscheucht. Punehs Familie kam illegal nach Europa, es gibt wenig Anhaltspunkte, die Schwestern können überall sein.
Zuerst bittet Frau Palesti ihre griechischen Kollegen um Hilfe. Drei Wochen später schickt sie Puneh einen Brief, darin steht: In Griechenland sind deine Schwestern nicht. Wir suchen jetzt in ganz Europa. Punehs Fall kommt in die europäische Datenbank, wo die Suchfälle aller nationalen Rotkreuzgesellschaften der EU registriert sind. Ein kurzes Formular, wenige Angaben, ziemlich viel Hoffnung.
In München sitzt Frau Palesti am Schreibtisch, arbeitet Fall um Fall ab. In Brandenburg tut sich Puneh in Physik schwer, dafür hat sie in Französisch gute Noten. Sie überlegt, Polizistin zu werden, aber dazu braucht man einen deutschen Pass. Vielleicht was mit Wirtschaft, denkt sie. Und dann denkt sie an ihre Schwestern, und sie weiß, was Frau Palesti sagte: Es kann sechs Monate dauern, bis sie ein Ergebnis haben.
Jeden Abend geht Puneh ins Bett und fragt sich: Wird es morgen sein?
Frau Brinkmann sagt: „Eine Todesnachricht zu überbringen, das ist sehr hart. Aber das Schlimmste ist, wenn wir niemanden finden. Das macht mich kribbelig.“
Frau Palesti sagt: „Ich hab zwei, drei ungelöste Fälle, die möchte ich nicht weglegen. Wahrscheinlich sollte ich es, aber ich denke immer wieder an sie.“
Es ist ein Novembermorgen, an dem Puneh wie immer denkt: Wird es heute sein? Ein Montagmorgen, an dem Frau Palesti wie immer zuerst im Büro ist, um kurz vor neun kommt Frau Brinkmann. Ihre Büros liegen Tür und Tür. Es riecht nach dem Kleber des neuen Teppichbodens, gerade wird renoviert. Frau Brinkmann setzt Kaffee auf, starken. Wenn Frau Palesti mit Frau Brinkmann Kaffee trinkt, läuft über ihren PC der Bildschirmschoner, „...be happy“ steht drauf.
An diesem Montag liegt der Fall von Puneh fast zwei Monate auf dem Schreibtisch, aber das ist normal. Afghanische Flüchtlinge stehen meistens nicht im Telefonbuch, nicht in den Einwohnermelderegistern der Gemeinden, oft nicht mal im Ausländerregister. Nirgendwo, wenn sie illegal sind. Mohammed kann man auf Dutzende unterschiedliche Weisen schreiben. Viele Afghanen kennen ihr Geburtsdatum nicht, aber weil die deutschen Beamten ein Datum eintragen müssen, sind wahnsinnig viele afghanische Flüchtlinge am 1. Januar geboren.
An diesem Montag geht Puneh ins Bett und denkt an den Anruf, den sie gerade bekam. Es war ihre Betreuerin von der Caritas, die ihr zu dem Suchantrag geraten hatte. Die Betreuerin erzählte von einem Brief, an Puneh gerichtet. Am nächsten Morgen, Dienstag, steht Puneh früh auf, läuft zum Haus der Caritas, läuft die Treppe hoch bis unters Dach, ins Büro ihrer Betreuerin.
Es ist halb acht. Puneh kann gut Deutsch, beeindruckend gut für kaum anderthalb Jahre Unterricht, aber als die Betreuerin zu ihr sagt: Die haben deine Schwestern gefunden, da fällt Puneh kein deutsches Wort ein. Sie sieht die Betreuerin an, sieht den Brief vom Suchdienst. Dann weint sie.
Die beiden Schwestern der 16-jährigen Afghanin Puneh leben in Dänemark. Puneh weiß selbst noch nicht, wie sie dahin gelangt sind. Sie leben in einem Heim und lernen die Sprache. Sie haben einen Suchantrag gestellt, beim dänischen Roten Kreuz. Sie wollten Puneh finden. Sie hatten keine Ahnung, dass die Mutter noch bei ihr war.
Es ist acht, als die Betreuerin beschließt, dass Puneh an diesem Tag nicht zur Schule geht. Sie versuchen zusammen, in Dänemark anzurufen, um elf. Sie wollen die Schwestern anrufen, Puneh will ihre Stimmen hören. Es klappt nicht, die Schwestern nehmen nicht ab. Puneh läuft nach Hause, erzählt alles der Mutter. Sie versuchen es wieder, um drei am Nachmittag, im Caritas-Haus. Puneh bringt ihre Mutter mit, die ist kaum die Treppe hoch, da bricht sie zusammen. Dann telefonieren sie. Zehn Minuten telefonieren sie. Genauer gesagt: Fünf davon schluchzen sie.
Viele Menschen haben Heimweh, wenn sie für zwei Wochen verreisen. Auch wenn sie das jedes Jahr tun. Wenn sie zurück sind, holt sie jemand am Flughafen ab, man umarmt sich. Ein schöner Moment. Punehs Familie verreiste nie. Nur einmal verließ ihre Heimat, für immer, und dann trennte man sie, und es schien, als wäre die Trennung für immer. Dann nahm Punehs Schwester um 15 Uhr an einem Novemberdienstag in Dänemark den Hörer ab, und die Caritas-Mitarbeiter sagen: Die in Dänemark haben noch mehr geweint als die hier.
Inzwischen haben sie dreimal telefoniert. Zu Weihnachten reisen Puneh und ihre Mutter nach Dänemark. Die vier planen ihre Zukunft jetzt gemeinsam. Entweder in Dänemark oder in Deutschland. Telefonieren genügt nicht, sie gehören doch zusammen. Kalliopi Palesti hat die Suchakte geschlossen, für die Zukunftsplanung ist sie nicht zuständig.
Das macht beim Roten Kreuz Herr Hochfeld.
Sieghard Hochfeld kommt durch die Tür seines Hamburger Büros gelaufen. Er ist 59, seit 24 Jahren beim Rotkreuz-Suchdienst, und damit einer der Neueren. Herr Hochfeld kümmert sich vor allem um Familienzusammenführungen. Er hat ein Schreiben mitgebracht, und ruft: „Da hat jemand ein Kind aus einer Vorbeziehung, und das will er nach Deutschland bringen. Ganz typischer Fall!“
Herr Hochfeld ist Jurist, er kann mehrere Paragraphen in einem Satz erwähnen und warnt gleich zu Beginn: „Es ist alles total verrechtlicht.“ Obwohl: „Wir haben hier doch das ganze bunte Spektrum des Lebens.“ Hier, in dieser Schreibtischlandschaft zwischen Büroklammern, Antragsformularen, Kaffeeflecken. Familienzusammenführungen sind, sagt Hochfeld, „ein un-heim-lich-er Aufwand“.
Bis heute kümmert sich die Suchdienst-Filiale in Hamburg viel um Spätaussiedler aus Russland und Kasachstan, die Fragen zu ihrer Einreise nach Deutschland haben. Zuständig ist sie für alle, egal woher sie kommen, die zu ihrer Familie nach Deutschland ziehen wollen. Herr Hochfeld und seine Mitarbeiter beraten, als wären sie Gratis-Anwälte. Beim Visaantrag, beim Asylantrag. Kann jemand nicht allein reisen, organisieren sie einen Krankentransport. Notfalls aus Afghanistan, auf Staatskosten.
„Man braucht einen Schlachtplan“, sagt Herr Hochfeld. Die Arbeit von Frau Brinkmann ist getan, wenn die Verwandten zum ersten Mal telefonieren. Herr Hochfeld übernimmt dann, solange, bis sie sich in den Armen liegen.
Es wird dauern, bis Punehs Familie zusammenkommt. Ihr eigener Aufenthaltsstatus in Deutschland ist unsicher, ob die Schwestern dazukommen dürfen, ist nicht klar. Die dänischen Gesetze sind restriktiver als die deutschen. Puneh wird begründen müssen, dass die Mutter krank ist und alle ihre Kinder braucht. So etwas können Juristen. Spezialisierte Anwälte. Oder Herr Hochfeld.
Nebenan von Herrn Hochfelds Büro steht der Dankesorder im Regal. Ein Aktenordner voll mit den Briefen der Familien, die der Suchdienst gefunden und zusammengebracht hat. „Durch die menschlich sehr einfühlsame Arbeit ist es gelungen, ein Wunder zu vollbringen“, schreibt jemand. Eine Frau schreibt: „Es ist unmöglich, wörtlich auszusprechen, wie viel Freude und Glück haben Sie uns gebracht.“ Oder: „Damit habe ich nicht gerechnet. Die ersten Kontakte sind geknüpft! Dank Ihrer Hilfe!!“
Sieghard Hochfeld sammelt die Dankbriefe, er braucht sie für seinen Jahresbericht. Die Beamten vom Innenministerium wollen wissen, warum sie den Suchdienst bezahlen.
Eigentlich müssten sie nur Puneh fragen.
*Name geändert